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Heute fuhr ich relativ spät mit der S-Bahn nach Hause. Es war ein anstrengender Tag und da ist es immer wieder amüsant, sich unter herkömmliche Menschen zu mischen und deren primitives, ja geradezu primatenartiges Verhalten zu beobachten. Dr. Wörner fuhr heute auch mit der S-Bahn, normalerweise fährt er mit dem Auto, weil er "den Pöbel nicht verträgt".

Zunächst kommt eine Fahrkartenkontrolle. Wörner greift in seine Tasche und schreit laut "Autsch" - wie oft habe ich ihm schon gesagt, er soll vorsichtiger mit den Spritzen sein? Natürlich hat er sich wieder einmal gestochen. An die Infektionsmöglichkeiten mag ich gar nicht denken, aber Wörner meint immer, seine Eierstöcke filtern das schon heraus. Manchmal wüsste ich echt gerne, wo der seinen Doktortitel her hat.

Dann bleibt die S-Bahn auf einmal im Bahnhof stehen und fährt nicht weiter. Nach fünf Minuten tönt es durch den Lautsprecher: "Werte Fahrgäste, wegen eines Notarzteinsatzes verzögert sich die Weiterfahrt. Falls ein Arzt an Bord ist, soll er sich bitte im ersten Wagen melden."

"Ich bin Arzt, oder?" fragt Wörner, und abermals zweifle ich an seinem Verstand. Aber was solls, ich sage einfach "Ja", um mir Diskussionen zu ersparen. Gemeinsam gehen wir in den ersten Wagen. Der Erkrankte liegt auf dem Boden, fasst sich an die Brust und meint, dass ein starkes Stechen auch in seinem Arm zu finden sei. "Sodbrennen", meint Wörner, und zückt die Spritze, an der er sich eben gestochen hat, aus der Tasche. "Das hier wird helfen," meint er mit einem seltsamen Grinsen, und injiziert sie dem Mann.

Als die Rettungssanitäter ankommen, verdünnisieren wir uns lieber. "Was war in der Spritze?" frage ich. "Eine Salzlösung, Placeboeffekt. Gebe ich immer den Hunden, damit sie sich nicht aufregen." Ich rolle die Augen und gehe lieber zum Bus, in der Hoffnung, dass dort keine Mimose wegen Sodbrennen abklappt. Nächstes Mal fahre ich vielleicht doch lieber Taxi.

Ihr Dr. Mörner